

Es ist schon eine schwere Bürde, in Oberfranken als Sohn eines Brauereibesitzers auf die Welt zu kommen, genauer gesagt ist man dann nämlich meistens der Sohn einer ganzen Brauerei. Für den Nachwuchs bedeutet das, schon von klein auf im elterlichen Betrieb dabei zu sein, sich mit um das Maischen und Kochen, Filtrieren und Austrebern oder Abfüllen und Ausliefern zu kümmern. Spätestens nach dem Schulabschluss stellt der Papa dann die Gretchenfrage: "Was willst Du tun, um den Betrieb später einmal zu übernehmen?" Für den pflichtbewussten Sohn gibt es da nur eine Antwort: Brauerlehre. Wir haben drei potentielle Nachfolger in ihren Bamberger Ausbildungsbetrieben besucht und nach den Antworten gefragt, die sie für sich selbst auf diese Frage geben.
Unsere "Kandidaten" sind Johann Hölzlein von der gleichnamigen Brauerei aus Lohndorf, Lehrling bei der Brauerei Beck in Trabelsdorf, Florian Merz vom Bamberger Spezial Bräu, Lehrling in der Mahr's Brauerei, und sein Bruder Sebastian, der in der Brauerei Keesmann seine Ausbildung absolviert. Beim 18jährigen Johann gibt es eine ganz besondere Situation: Sein Ausbilder Andreas Gänstaller, Bamberger Brauerei-Urgestein, legte selbst erst vor kurzem die Gesellenprüfung ab, weil er den Abschluss erst mit der Übernahme der eigenen Brauerei in Trabelsdorf brauchte - hier bildet also quasi ein gerade fertiger Lehrling den Nachwuchs aus. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass Gänstaller schon seit seiner Jugend Hobby-Brauer ist und zudem über 20 Jahre in einer renommierten Bamberger Brauerei gearbeitet hat - das Knowhow ist also schon längstens vorhanden, was man auch an seinen hervorragenden Prüfungsergebnissen sieht. Mit der Übernahme der Beck Bräu hat sich der 47jährige einen lange gehegten Wunsch erfüllt und steht mittlerweile auch weit über die Landesgrenzen hinaus für innovative, vollmundige Biere, die er in seinem kleinen Brauhaus mitten in Trabelsdorf kreiert.
Doch auch Florian Merz hat einen besonderen Lehrer: Stephan Michel ist gerade dabei, die Geschäfte der väterlichen Mahr's Brauerei
zu übernehmen. Der 38jährige hat eine wesentlich andere Sicht seiner Rolle als Ausbilder als zum Beispiel Andreas Gänstaller, für den es neben der Arbeit auch um Freundschaft geht. Bei Michel ist
vor allem der Lehrling selbst für die Art und das Ergebnis seiner Ausbildung verantwortlich: "Jeder hat es selbst in der Hand, wie er geführt wird. Das Ziel muss es sein, dass der Lehrling
möglichst viele Dinge selbständig erledigen kann." Der Absolvent der renommierten Doemens-Brauakademie zieht das vor allem auch als Lehre aus seiner eigenen Ausbildung. Schließlich ist für ihn
die Übernahme der heimischen Brauerei mindestens genauso viel Pflicht wie Freude: "Eigentlich wollte ich eher in den graphischen Bereich oder die Feintechnik, letzten Endes zählte dann aber die
Verantwortung für das Familienunternehmen mehr und ich habe mich für den Braumeisterberuf entschieden." Keine leichte Entscheidung für den bekennenden Brose-Baskets-Fan, der sich durchaus auch
ein Leben ohne Sudkessel und Schankanlage hätte vorstellen können.
Ganz traditionell hingegen lief die Lehre von Florians Bruder Sebastian Merz bei Keesmann. In der Heimat des Herrenpils hat die Ausbildung eine lange Tradition. Man möchte hier alle drei Jahre anderen Jugendlichen eine Möglichkeit zum Start ins Berufsleben bieten, das eigene Team aber durch eine Übernahme nicht vergrößern. Als Ausbilder fungierte bei Sebastian der 56jährige Robert Blechinger, der auf viele Jahrzehnte Berufs- und Ausbildererfahrung zurückblicken kann und beispielsweise auch im Bamberger Brauereimuseumsvorstand ist. Hier war es aber nicht von Anfang an klar, dass die beiden zusammenkommen würden. Sebastian begann seine Lehre nämlich in einer Großbrauerei, musste aber bald feststellen, dass der Einsatz in einem solchen Betrieb mit Schichtarbeit und zum Beispiel vielen Stunden an der Etikettiermaschine nur wenig mit seinem Ziel der Übernahme der väterlichen Brauerei in der Königstraße zu tun hatte. Also suchte er einen anderen Ausbildungsbetrieb und fand ihn bei Keesmann, die ihre Lehrstelle mangels geeignetem Bewerber eigentlich unbesetzt lassen wollten, sich dann aber über den unverhofften Kandidaten sehr freuten.
Soweit zu den Fakten, doch was bewegt die Brauersöhne, im 21. Jahrhundert noch diesen Beruf anzustreben? Warum bildet die eine Brauerfamilie den Nachwuchs der anderen aus - eine Tatsache, die vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen wäre? Und glauben die jungen Männer überhaupt noch an eine Zukunft als Brauer in Bamberg und Umgebung? Diese und viele andere Fragen drängen sich auf, liest man doch immer wieder von den Problemen der heimischen Familienbetriebe, den Nachwuchs für die Übernahme zu gewinnen. Oft sind die eigenen Kinder mittlerweile in ganz anderen Branchen oder Landstrichen untergekommen und dort glücklich. Für Johann Hölzlein ist die Sache klar: "Ich hätte nichts besseres finden können! Mit Andreas Gänstaller komme ich super klar und für mich war es schon immer sicher, dass ich die Brauerlehre mache. Im Anschluss werde ich dann noch eine Kochlehre nachschieben und mich dann in den elterlichen Betrieb stürzen." Sein Bruder und er repräsentieren die achte Generation der Hölzleins als Brauerfamilie, wobei der ältere der beiden bereits seit vielen Jahren als Braumeister der großen Stiegl-Brauerei in Salzburg arbeitet. Insofern ist der Weg also sprichwörtlich frei für Johann und seine Zukunft in Lohndorf. Seine Freunde finden es übrigens Spitze, dass er diesen Beruf für sich gewählt hat, nicht nur, weil dadurch der Biernachschub gesichert ist, sondern auch, weil sie wissen, dass es für ihn nicht nur Beruf, sondern auch eine Art Glaubenssache ist. Nebenbei spielt der 18jährige übrigens Golf im Bamberger Golfclub. Dort ist er etwas ganz Besonderes, "wahrscheinlich der einzige Brauerlehrling in diesem Sport."
Ähnlich sieht das auch Florian Merz in der Mahr's Brauerei. Er hat den Brauerberuf
schon seit der Kindheit als Traumziel ausgegeben und auch schnell in anderen Brauereien Praktika gemacht, um sich sicher sein zu können. Er kommt gut mit dem Team in der Wunderburg zurecht, die
Arbeit macht ihm Freude, bis auf das Saubermachen vielleicht: "Aber das gehört eben auch dazu." Welcher der beiden Merz-Brüder später einmal im Spezial am Sudkessel stehen wird, ist noch nicht
sicher, momentan arbeiten beide auf diese Möglichkeit hin. Vielleicht gibt es dann für Ausbilder Stephan Michel doch noch ein Happy End, denn er sieht auch einen gewaltigen Nachteil darin, den
Nachwuchs einer anderen Brauerei zu sichern: "Im Grunde will man ja ausbilden, um den Lehrling später einmal zu übernehmen und im eigenen Team zu belassen. Bei einem Brauer-Sohn ist es ja
paradoxerweise so, dass der häufig gar nicht übernommen werden will. Da könnte man natürlich auch sagen, dass für den Ausbildungsbetrieb viel der investierten Arbeit quasi vergeudet ist.
Schließlich hat man nichts mehr von dem Ergebnis dieser drei Jahre." Andererseits kann er der Sache aber auch etwas Gutes abgewinnen: "Immerhin bauen wir uns damit die Möglichkeit auf, in Zukunft
noch enger unter Kollegen zusammenzuarbeiten. Das wird immer wichtiger, dass die Brauer sich als Gemeinschaft sehen und nicht als Konkurrenz."
Bei Keesmann sieht Ausbilder Blechinger einen großen Vorteil in der Verpflichtung eines Nachwuchsbrauers als Lehrling: "Die sind meistens schon durch die vielen Jahre im elterlichen Betrieb so fit wie ein langjähriger Mitarbeiter. Sebastian konnten wir von Anfang an wie einen vollwertigen Brauer behandeln." Für seinen 22jährigen Lehrling, der in diesen Tagen seine Brauerlehre beendet, war der Weg nicht 100%ig auf Bier eingestellt. Nach dem Abitur jedoch beschloss er, trotzdem erst mal einen handwerklichen Beruf zu erlernen und sah da den Anreiz und die Erfahrung von zuhause als Grund, es als Brauer zu versuchen. Nach der Lehre will er eventuell noch ein Studium anschließen, beispielsweise sein Hobby, die Geologie, vertiefen. Wie schon erwähnt, ist im Hause Merz noch nicht klar, welcher Sohn später einmal in die Brauerei einsteigen wird, "da fließt noch einiges Wasser die Regnitz herunter." Im Grunde ist das auch kein wirkliches Risiko für einen Bamberger Brauer, schließlich werden die hiesigen Absolventen auf der ganzen Welt mit Handkuss genommen.
Man sieht also, es tut sich was, auch bei den Brauern, mehr Miteinander statt Konkurrenzkampf und ein Gefühl für die gemeinsame Verantwortung für einen Beruf, wie er typischer für unser Frankenland nicht sein könnte. Ein Modell, vielleicht auch für andere Handwerksberufe, schließlich geht mit jedem Traditionsbetrieb, der mangels Übernahme seine Pforten schließt, auch ein Stück Heimat und Kultur verloren, meist unwiederbringlich und lediglich als kleine Randnotiz in der Zeitung.
Text und Fotos: Markus Raupach